Perspektive U35

"Störungen haben Vorrang"

"Störungen haben Vorrang"

U35 Konferenz 1 Joachim Röttgers U35 Konferenz 1

Ein Bericht von Klaudia Hanisch

„Michael, #Betriebsrat, #Klinikum, #Burnout“, sagt der Mann im grauen Pullover und gibt das Mikrofon an seinen Nachbar weiter. In weniger als 25 Minuten sind die 150 Anwesenden mit ihren Vornamen und drei sogenannten „Hashstags“ (#) vorgestellt. „Idealerweise sollte die Vorstellung drei bis fünf Sekunden dauern“, instruiert Nils Pawlik die Versammelten. Rasant fällt der Auftakt der ersten Betriebs- und Personalräte Barcamps am 29. November im Stuttgarter Bürgerzentrum West aus.

Zugegeben, der Begriff Barcamp kann in die Irre führen, doch bezieht er sich nicht auf „Bar“ als Theke in der Kneipe, sondern auf den Platzhalter, den Programmierer „Bar“ nennen. Beim Barcamp, manchmal auch Unkonferenz genannt, gibt es keine in Vorab festgelegte Tagesordnung. Alle Teilnehmer werden eingeladen, selbst Sessions anzubieten zu dem Thema, das sie bewegt. Sei es auch nur, um mit anderen Erfahrungen auszutauschen. Was am Ende herauskommt, weiß zu Beginn keiner.

Mit der Organisation der Konferenz und des Vernetzungstreffens ein Tag später wird die dritte Runde des Nachwuchsförderprogramms Perspektive U35 in Stuttgart abgeschlossen. Das Anliegen des Vorbereitungs-Teams, das zum großen Teil aus Ehrenamtlichen besteht, war Menschen mit Praxiserfahrung aus verschiedenen Bereichen und Altersgruppen eine tatsächliche Chance zum Austausch zu geben. So sollten auch aktive Beschäftigten zwischen 25 und 35 Jahren mehr Gehör bekommen. Nils Pawlik, Krankenpfleger im Katharinenhospital in Stuttgart, Personalrat und ebenfalls Teil der Perspektive U35, machte bei einem Treffen des Teams auf die Barcamp-Methode aufmerksam.

U35 Konferenz 2 Joachim Röttgers U35 Konferenz 2

Der lässige Hoodie- und Brillenträger, der sich selbst schon mal als Nerd bezeichnet, beobachtet die Barcamp-Bewegung schon einige Jahre: „Dort findet man vor allem Menschen, die glauben, dass wir für unsere Themen alle Experten sind und dass wir alle etwas Interessantes bieten können. Demokratisierung der Bildung nenne ich es immer - einer klassischen hierarchischen Wissensvermittlung wird hier eine klare Absage erteilt.“

Er selbst besuchte zum ersten Mal das vierte Barcamp in Stuttgart. Danach folgten Barcamps in Essen, Hamburg, Nürnberg. Dass sich bei Barcamps immer noch vorwiegend technisch interessierte Menschen versammelt, erklärt Nils mit ihren Ursprung: 2003 wurde die Idee in Silicon Valley vom Open Space Entwickler und Guru des "Web 2.0" Tim O’Reilly entwickelt. „Eigentlich ist „Bar“ der Platzhalter für alles Mögliche, jeder kann sich einbringen. Es entstehen die verrücktesten Sachen. Eine Session, an der ich mal mitgemacht habe, war etwa zum Schlösser-Knacken“, erzählt Nils.

Während der Phase der Sessionplanung, die 30 Minuten dauert, ist die Neugierde den Konferenzteilnehmer*Innen förmlich ins Gesicht geschrieben. Diejenigen, die Sessions anbieten, stellen diese in wenigen Sätzen vor und lassen sich per Handzeichen signalisieren, ob ihr Thema auf Interesse stößt. Dann wird dafür eine Uhrzeit und ein Raum festgelegt. Es liegt Spannung in der Luft, man fragt sich, was von wem als nächstes angeboten wird und wie viele Leute sich für eine potentielle Teilnahme melden werden. In Zweier- und Dreier-Grüppchen kommentieren einige Betriebsräte untereinander halblaut, was sich gerade vor ihren Augen abspielt. Es wird viel gescherzt und gelacht. Da die meisten Teilnehmer*Innen keine Erfahrungen mit Barcamps haben, kommen immer wieder organisatorische Fragen auf. „Orga-Fragen sind besonders wichtig. Störungen haben schließlich Vorrang“, kommentiert Nils scherzhaft und zitiert dabei eine der Grundannahmen der Themenzentrierten Interaktion der amerikanischen Psychoanalytikerin und Psychologin Ruth Cohn.

Insgesamt werden an diesem Tag 28 Sessions abgehalten, die jeweils 45 Minuten dauern. Die Themen „Burnout“ und „Mobbing von Betriebs- und Personalräten von Seiten des Arbeitsgebers“ versammeln die meisten Teilnehmer*Innen. Es kommt aber auch zum regen Austausch zu anderen Fragen, zum Beispiel wie man die Themen der Jüngeren im Betriebsrat erfolgreich auf die Tagesordnung setzt, wie junge Frauen für Gremienarbeit mobilisiert werden können, wie man während Betriebssitzungen gleichberechtigte Teilnahme ermöglichen kann. Außerdem wird diskutiert, wie man Aktive durch den Blitz (Methode aus dem Organizing) gewinnen und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz entgegenwirken kann. Nicht zuletzt geht es auch darum, wie man im Gesundheitswesen erfolgreich einen Streik für mehr Personal organisiert.

U35 Konferenz 3 Joachim Röttgers U35 Konferenz 3

Während der Sessions wird ein Problem deutlich: Die Räume im Bürgerzentrums West sind zwar großzügig und mit Tageslicht gut durchleuchtet, dennoch tut sich mancher Besucher anfangs schwer, unter den etwa 170 Anwesenden Konferenzteilnehmer*Innen unter 35-Jährige zu erkennen. Noch im September trafen sich die Teilnehmer des Nachwuchsförderprogramms Perspektive U35 aus Stuttgart, Hamburg und Göttingen in Mosbach, um junge Betriebs- und Personalräte zu der Konferenz telefonisch einzuladen. Zwar konnten sie Erfahrungen im Telefon-Organizing sammeln und einige ihrer Gleichaltrigen tatsächlich auch zur Teilnahme bewegen, doch gegen das strukturelle Problem konnten sie nicht viel ausrichten: „Es sitzen nur wenige junge Leute in den Gremien“, sagt Sabine Vogel, eine der Organisatorinnen der Konferenz. „Was man aber während der Konferenz deutlich sieht, ist, dass die Älteren wirklich wollen, dass die Jüngeren nachziehen“ Tatsächlich erfreuten sich Sessions zum Oberthema generationeller Austausch großen Interesses.

Die Idee des Barcamps wird von den meisten erfahrenen Betriebsräten gut angenommen, auch wenn einigen während der ersten Sessions noch Skepsis anzusehen ist. „Für mich war am Anfang nicht ganz klar, ob alle die Methode Barcamp mitmachen. Aber letztendlich stand dies gar nicht zu Debatte, es waren doch alle dabei“, gibt Ivo Garbe, der das Konzept für die Perspektive U35 2006 maßgeblich entwickelte, offen zu. Auch der 52-Jährige Ralf Kiefer, stellvertretender Gesamt-Personalrat-Vorsitzender, Vertrauensleute-Sprecher am Universitätsklinikum Heidelberg und bereits seit 30 Jahren Gewerkschaftsmitglied, findet das alles nicht schlecht, ja recht erfrischend sogar. „Es funktioniert hervorragend, um sich auszutauschen.“ Bei manchen Sessions fehlte ihm aber dann doch der Input. „Man ist darauf angewiesen, dass jemand etwas weiß. Wenn dem nicht so ist, kommt wenig dabei raus“, sagt Ralf Kiefer. Trotzdem kann er sich vorstellen, die Methode auch bei sich im Klinikum anzuwenden. Nils grinst, denn er kennt diese Kritik. Für ihn ist sie mit Erwartungshaltung verbunden, mit dem Besucher normalerweise zu einer Konferenz kommen –  dort sind sie Konsumenten. Frei und assoziativ diskutieren sie nur in den Kaffeepausen.  

In der Session, die Esther Bovemann, die Projektleiterin der Perspektive U 35 in NRW anbietet, dreht sich alles um Moderation und Partizipation im Betrieb. Während einige der 80 vorwiegend älteren Teilnehmer*Innen noch Teller mit Bio-Nudeln auf den Knien halten, werden alle aufgefordert, sich im Raum zu bewegen und Murmelgruppen zu bilden. Ein Begriff, der nur wenigen davor geläufig war und eine Form von Brainstorming meint, in der sich kleine Diskussionsgruppen finden. Innerhalb von wenigen Minuten sammeln sie Ideen und lernen, zu einem Thema gemeinsamen einen Standpunkt zu formulieren. Erst dann wird von der Session-Leiterin Esther Input gegeben.

Das Ergebnis der Konferenz baut das junge Orga-Team aus der Perspektive U35 auf. Denn schließlich geht es an diesem Tag auch darum, Denkräume zu öffnen, Strukturen aufzubrechen und sie derart umzugestalten, dass der Anschluss gewerkschaftlicher Strukturen an eine inzwischen demografisch gewandelte Gesellschaft möglich wird. Davon spricht an diesem Tag unter anderen Günter Busch, der Landesfachbereichsleiter in Baden-Württemberg, in seiner Abschlussrede zur  Erneuerung der Gewerkschaftsarbeit. „Für eine Erneuerung müssen wir alte Zöpfe abschneiden“. Mit „alten Zöpfen“ meint Busch die Stellvertreterpolitik nach dem Motto „Wir machen das für euch“, „ver.di wird es schon richten“. Gewerkschaftsarbeit müsse viel mehr von unten kommen. Basisorientierung dürfe nicht etwas Besonderes bleiben, sondern müsse zu einer Selbstverständlichkeit werden.

Gegen 18 Uhr ist das Barcamp vorbei. Der intensive Austausch hat so manchen Teilnehmer*In sichtlich erschöpft, auch Nils ist jetzt müde. Die  letzte „Session“ des Tages – „der gemeinsame Umtrunk“ findet im Jugendhaus Stuttgart Mitte statt. Dann allerdings, verspricht das junge Orga-Team, dreht sich alles um eine andere „Bar“.