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Mitarbeiter*innen der Stuttgarter Flüchtlingssozialdienste fordern …

Pressemitteilung

Mitarbeiter*innen der Stuttgarter Flüchtlingssozialdienste fordern von der Stadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg bessere Arbeitsbedingungen für eine erfolgreiche Integrationsarbeit.

27.04.2021

Mitarbeiter*innen der Stuttgarter Flüchtlingssozialdienste, tätig bei den Trägern „Arbeitsgemeinschaft für die eine Welt“ (AGDW), „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO), „Caritas“ und „Evangelische Gesellschaft Stuttgart“ (eva), schlagen Alarm. „Die Schieflage im Arbeitsalltag des Flüchtlingssozialdienstes ist verheerend, zum einen für die Geflüchteten selbst, aber auch für die Beschäftigten“, sagt Cosima Wolfangel von ver.di Stuttgart, zuständig für den Bereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen.

Die Corona-Pandemie bringt ans Tageslicht, was in den letzten Jahren fatal vernachlässigt wurde. Unter erschwerten Pandemiebedingungen gelingt es den Mitarbeiter*innen deshalb nur noch bedingt und durch enormen Arbeitseinsatz, die Geflüchteten in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dies führt zu Frustration und einer hohen Fluktuation von Mitarbeiter*innen.

Für eine gelingende Integrationsarbeit braucht es dringend bessere Arbeitsbedingungen für das Fachpersonal.

Ein weiterer Punkt ist die Erreichbarkeit der zuständigen Ämter und Behörden. Auch während der Pandemie benötigen Geflüchtete niederschwellige Zugänge und die Möglichkeit der persönlichen Vorsprache, um essenzielle Anliegen bei Behörden vortragen zu können. Leider ist dies bereits seit mehreren Monaten nicht mehr möglich. Langfristig braucht es eine Rückkehr zu einer serviceorientierten Verwaltung, die allen Geflüchteten entsprechend ihrer Möglichkeiten offensteht. Weiterhin bedarf es einer Erhöhung des Personalschlüssels im Flüchtlingssozialdienst, der eine angemessene Einzelfallberatung ermöglicht. Außerdem fordern die Mitarbeiter*innen ein Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht für sich und die Geflüchteten im Hinblick auf die Gestaltung der Lebensbedingungen in Stuttgarter Flüchtlingsunterkünften. Es braucht einen offenen Dialog und Kooperation auf Augenhöhe mit den zuständigen Ämtern und Behörden und direkte Einbindung in deren Konzeptentwicklungen.

 

Weitere Informationen: https://gesundheit-soziales.verdi.de/tarifbereiche/drk

Kontakt:

Cosima Wolfangel, 0151-29606933
ver.di Bezirk Stuttgart, Fachbereich 3 - Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen

 

 

Anlage:

Wir sind eine Gruppe von Sozialarbeiter*innen, tätig bei den Trägern AGDW, AWO, Caritas und eva, die bei ver.di aktiv sind. Wir wenden uns an die Öffentlichkeit, da die Schieflage im Arbeitsalltag des Flüchtlingssozialdienstes Stuttgart verheerend ist, zum einen für die Geflüchteten selbst aber auch für uns als Beschäftigte. Wir sind sehr besorgt um die Integration der Geflüchteten.

Jedoch sollte dies Sorge der ganzen Gesellschaft sein, da die Integration von Zugewanderten für ein friedliches und bereicherndes Zusammenleben unerlässlich ist. Geflüchtete sollten so früh wie möglich die Sprache lernen, in den Arbeitsmarkt integriert werden und Bildungsmöglichkeiten bekommen, damit sie ein aktiver Teil der Gesellschaft sein können. Oftmals benötigen die Menschen, die vor Krieg und Elend geflohen sind, dabei viel Unterstützung und umfassende Beratung, welche wir als Flüchtlingssozialdienst gerne leisten. Jedoch hat sich unser Arbeitsalltag und die Situation v. a. seit der Pandemie sehr verändert. Von Integrationsmanagement kann kaum mehr die Rede sein, was eine Beschreibung unseres Arbeitsalltags im Folgenden beispielhaft darstellen soll:

„Sandra, können Sie mir bitte helfen, meinen Lebenslauf zu schreiben?“ Mohamad hat Kontakt zu einer Zeitarbeitsfirma und will seine Bewerbungsunterlagen dort einreichen. Wir vereinbaren einen Termin dafür, denn in diesem Moment kommen die Neuzugänge aus der Landeserstaufnahmestelle: eine Familie mit zwei Kindern. Sie beziehen zwei Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft; die Einzugsunterlagen und die Erstausstattung (Matratzen, Bettwäsche und Geschirr) hat der Bundesfreiwilligendienstler bereits vorbereitet. Während ich das Aufnahmegespräch durchführe und der Familie die Unterkunft zeige, sind meine Kolleg*innen vom Flüchtlingssozialdienst in der Sprechstunde mit den Anliegen der anderen Bewohner*innen beschäftigt: Antragstellung für einen Deutschkurs, Leistungen zum Lebensunterhalt, Krankenversicherung, Aufenthaltserlaubnis oder anderes, versuchen Termine beim Jobcenter, Sozialamt, Führerscheinstelle, bei Ärzt*innen, oder der Ausländerbehörde zu vereinbaren und die sonstigen Fragen der Hilfesuchenden zu beantworten.

„Ich brauche Hilfe bei den Hausaufgaben, wann kommt Frau Müller wieder zu uns?“, fragt die Grundschülerin Zahra. Frau Müller ist eine der vielen engagierten Ehrenamtlichen, die die Bewohner*innen der Unterkunft auf vielfältige Art unterstützen. Ich verspreche, ihr eine E-Mail zu schreiben. Aber wegen der Pandemie sind alle Beteiligten sehr vorsichtig mit Kontaktaufnahme geworden. Fürs Erste muss die Praktikant*in Nachhilfe erteilen. Kinder, junge Frauen und Männer, Alleinstehende und Familien - sie alle sind mit ihren Bedürfnissen und Vorstellungen aus ihrem Heimatland geflohen, schutzsuchend vor Verfolgung mit der Hoffnung auf ein Leben in Freiheit.

Viele Akteure sind daran beteiligt, die Integration der Geflohenen zu fördern oder sie in der Entwicklung einer neuen Lebensperspektive zu unterstützen: das BAMF, die Behörden der Stadt Stuttgart, Vereine und Verbände und ehrenamtlich Engagierte.

Das Bindeglied zwischen diesen Akteuren sind wir: die Sozialarbeiter*innen in den Gemeinschaftsunterkünften. In Stuttgart bei insgesamt sieben Trägern angestellt mit dem Ziel, die Geflüchteten bei der Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu unterstützen. Seit einem Jahr gestaltet sich dies, wie so vieles, sehr schwierig. Die Behörden vergeben nur in Ausnahmefällen Nottermine und so kann es schon mal passieren, dass bspw. die Beschäftigungserlaubnis zu spät mit der Post ankommt und dadurch der Arbeitsvertrag nicht verlängert werden kann. Auch können die Bewohner*innen ihre Anliegen nicht mehr direkt vor Ort klären und benötigen Hilfe bei Kontaktaufnahme zu und Kommunikation mit den Sachbearbeiter*innen. Dinge, die vor der Pandemie eigenständig geklärt werden konnten, wie z.B. Vorlage von Ausweisdokumenten, Anmeldungen beim Bürgerbüro, ausfüllen und abgeben von Anträgen werden nun über uns kommuniziert. Lehrkräfte vermissen die Kinder beim Homeschooling und wenden sich an uns, weil sie die Kinder nicht erreichen können. Der Zugang zu Computer und Internet ist in den Gemeinschaftsunterkünften nur sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich, sodass die Teilnahme an der Schulbildung nicht wenigen Kindern momentan verwehrt ist.

Mit diesen Rückschritten von Integrationserfolgen einhergehend sind die Zusatzaufgaben für die Sozialarbeiter*innen im Flüchtlingssozialdienst immens gestiegen. Momentan sehen wir uns als Feuerlöscher: Förderung der Schulkinder, sicherstellen von Fristwahrungen, Hilfestellung und Beratung nach coronabedingten Kündigungen, vertrösten der Deutschkurs-Teilnehmenden und nicht zuletzt: Aufklärung über Covid19, Beruhigung, Organisation der Unterbringung in Quarantäne bei Infektionen von Bewohner*innen mit der Gefahr, selbst infiziert zu werden. Unsere Profession ist, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Dies ist seit einem Jahr nur noch minimal möglich. Damit die in den vorherigen fünf Jahren erreichten Integrationsleistungen nicht so nach und nach verloren gehen, müssen dringend alle Beteiligten in den Dialog treten, um passende Lösungen zu finden.

Wir sehen uns als Sprachrohr für die Geflüchteten und müssen daher mehr Mitspracherecht bei der Weiterentwicklung unserer Arbeit vor Ort erhalten. Die Refinanzierung unseres Personals muss kostendeckend sein und der Arbeitsrealität angepasst werden, um eine bedarfsgerechte Beratung und Betreuung in diesem komplexen Tätigkeitsfeld gewährleisten zu können. Wir wollen das bisher Erreichte und vor allem unsere Motivation und Freude an unserer vielfältigen Aufgabe nicht verlieren. Um die Bedingungen für uns und die Geflüchteten zu verbessern, braucht es dringend und zeitnah eine Veränderung der Situation. Denn alle Mohamads und Zahras sollen die Chance auf eine gute Integration in Stuttgart und unsere Gesellschaft erhalten.

Pressekontakt

Cosima Wolfangel Tel.: 0151-29606933 ver.di Bezirk Stuttgart
Fachbereich 3 - Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen